Geschichtsort Villa ten Hompel

Das Ölgemälde von Anatol Herzfeld

Einen Meter hoch und 80 Zentimeter breit – so groß ist die Leinwand, auf der sich Anatol Herzfeld mit dem Mord an mehr als 30.000 Menschen auseinandersetzt. Auf der Rückseite des Ölgemäldes ist der Titel „Babij Jar im September 1941“ vermerkt. In der Schlucht von Babij Jar bei Kiew ermordeten so genannte Einsatztruppen aus SS und Polizei rund 33.000 Jüdinnen und Juden. Das Kunstwerk zeigt einen Polizisten, der mit seiner Pistole einen Zivilisten hinrichtet. Im Hintergrund stehen drei Männer, an der grünen Farbe ihrer Uniform ebenfalls als Angehörige der Ordnungspolizei erkennbar.

Anatol Herzfeld beschäftigt sich mit der Rolle der Polizei in der NS-Zeit – und das ist kein Zufall. Der Künstler ist ein Mann mit einer ungewöhnlichen Biographie. Er arbeitete als Verkehrspolizist und war zugleich Meisterschüler von Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf. Ein Besuch der Ausstellung „Transparenz und Schatten. Düsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur“ inspirierte ihn 2008 zu dem Gemälde. Seit 2015 ist es Teil der Dauerausstellung „Geschichte-Gewalt-Gewissen“ in der Villa ten Hompel in Münster.

Das Bild zeigt das Gemälde Anatol Herzfelds.
(Bild: Geschichtsort Villa ten Hompel)

Die Gedenkstätte

Der Geschichtsort untersucht den Beitrag von Polizei und Verwaltung am Holocaust und anderen Verbrechen des NS-Regimes. Das gilt besonders für den Einsatz von Polizisten aus dem Rheinland und aus Westfalen hier in der Region und in allen Teilen des besetzten Europas. Die Forschung geht davon aus, dass 62 Prozent der Holocaustopfer indirekt oder direkt durch uniformierte Polizisten ermordet oder deportiert wurden. Für diese Auseinandersetzung ist die Villa ten Hompel ein besonders geeigneter Ort.

In der einstigen Fabrikantenvilla befand sich ab 1940 die Dienststelle des Befehlshabers der Ordnungspolizei im 6. Wehrkreis, der weitgehend identisch war mit dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens. Nach Kriegsende mussten NS-Verfolgte in die Villa kommen, wenn sie eine Entschädigung für erlittenes Unrecht beantragen wollten. In den 1950er Jahren war die Villa ten Hompel  Sitz des Dezernats für Wiedergutmachung im Regierungsbezirk Münster.

Heute ist die Villa Gedenkstätte und hier hängt nun das Kunstwerk von Anatol Herzfeld, das sowohl den Tätern als auch den Opfern ein Gesicht gibt. Es hat seinen Platz am Ende der Dauerausstellung gefunden – und das aus besonderem Grund: Am Beispiel der Villa ten Hompel lässt sich bis auf die Ebene konkreter Personen nachvollziehen, wer wann, was und wie entschieden hat, welchen Handlungsspielraum die Beteiligten hatten und wie sie ihn im Einzelfall nutzten. Die Frage nach der Verantwortung eines jeden Einzelnen stellt das Bild am Ende in verdichteter Form.

Wirkt die dargestellte Szene auf den ersten Blick eindeutig, lässt sie tatsächlich viele Fragen offen: Kniet das Opfer oder steht es aufrecht einige Meter entfernt? Wie verhalten sich die drei Polizisten im Hintergrund? Einer von ihnen wendet sich offenbar ab. Ist er gelangweilt oder will er sich der Erschießung unauffällig entziehen? Die Interpretation liegt letztlich beim Betrachter und sie lässt ihn mit einer entscheidenden Frage zurück: Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten?