Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus

Scherben der am 10. November 1938 zerstörten Bonner Synagoge

Kaum etwas findet sich in so vielen Museen auf der ganzen Welt wie Scherben. Unscheinbar, fast verloren stehen auch solche zehn Fragmente mit ihren kleinen Ornamenten im Foyer der Gedenkstätte Bonn. Doch diese kleinen Bruchstücke stammen nicht aus grauer Vorzeit, dem Altertum oder dem Mittelalter. Sie sind Zeugen der brutalen Taten aus der jüngeren deutschen Vergangenheit – vor Ort in Bonn. Zerschlagen, zerbrochen und verbrannt – bildhaft zeigen sie die Verbrechen der Nationalsozialisten, das Leiden der Verfolgten und das Schweigen der Mehrheit.

Bruchkanten, Reste von Mörtel, fehlende Kanten und dunkle Verfärbungen auf den Fragmenten beweisen, dass es sich im wahrsten Sinn des Wortes um Bruchstücke handelt. Sie gehörten in die Fassade der 1879 eröffneten Synagoge am Bonner Rheinufer. Wer heute die Dauerausstellung der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus besucht, kann auf einem alten Foto der Synagoge zwei dieser zehn Bruchstücke wiederfinden. Sie schlossen als Kapitellen die Säulen vorm Gebäude ab. Die anderen archäologischen Fundstücke gehörten zu Randbögen.

Fotos zweier Tonscherben
Bild: Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus

Ihre feinen Verzierungen lassen erahnen, welche architektonische Genauigkeit und welche künstlerischen Details der königliche Bauinspektor Eduard Hermann Mertens (1823-1898) in den Neubau einbrachte. Typisch für die Zeit verband er orientalische Stilelemente mit der Grundform einer christlichen Basilika. Dazu erhielt der Bau kleine Türmchen, die fast wie die Minarette einer Moschee aussahen. Die Davidsterne auf den Kuppeln zeigten klar, dass es sich um eine Synagoge handelte. So nutzte die wachsende jüdische Gemeinde Bonns ihr Gotteshaus über mehrere Jahrzehnte und bebaute auch noch die Nachbargrundstücke.

Doch die Nationalsozialisten zündeten am Mittag des 10. November 1938 wie in vielen anderen deutschen Städten auch in Bonn die Synagoge an, nachdem die NSDAP-Führung in der Nacht zuvor zu Gewalt und Brandstiftung gegen Jüdinnen und Juden überall im Deutschen Reich aufgefordert hatte. Auch die anderen Synagogen im heutigen Bonner Stadtgebiet wurden abgebrannt, dazu dutzende Geschäfte und Wohnungen von Jüdinnen und Juden verwüstet.

Zwei gelegte Brände an einem Tag

Zuerst löschte die Feuerwehr den Brand in der Synagoge am Bonner Rheinufer noch. Doch dann befahl der Bonner Polizeidezernent und SA-Führer Peter Reinartz, nur noch die umliegenden Grundstücke zu schützen. Schlimmer noch zündete er mit tatkräftiger Hilfe von Bonner Bürgern die Synagoge ein zweites Mal an! Dieses Mal wurde sie vollständig zerstört. Schaulustige beobachteten den verheerenden Brand vom Rheinufer und von der nahen Rheinbrücke aus.

In den folgenden Monaten musste die jüdische Gemeinde den Abbruch ihres Gemeindehauses und ihrer Synagoge selbst bezahlen. Kurze Zeit später kaufte die Stadt Bonn das brachliegende Grundstück. Als der Krieg begann, kümmerte sich die Stadt um andere Dinge als die Neubebauung dieses Geländes.

Nach dem Krieg diente das ehemalige Synagogengrundstück viele Jahre als Parkplatz. Als dort ein neues Hotel gebaut werden sollte, nutzte 1987 das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland die Chance zu archäologischen Ausgrabungen. Tatsächlich konnten sie Fundamente der Synagoge freilegen. Außerdem fanden sie jene zehn Bruchstücke aus der Fassade.

Ein Mahnmal aus den Steinen des Fundaments

Nur ein Teil der östlichen Begrenzungsmauer blieb später am Originalstandort stehen. Aus den Steinen des Fundamentes baute die Stadt 1988 ein Mahnmal am Moses-Heß-Ufer, an dem die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Novemberpogroms stattfinden. Der Rest einer Säule konnte 1990 neben der neuen Bonner Synagoge in der Tempelstraße aufgestellt werden. Und die zehn kleinen Fragmente gingen in die Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus, für die die Bruchstücke eine besondere Bedeutung haben.

Denn sie sind nicht nur Teil der Erinnerung an die Zerstörung der Synagoge, sie verweisen auch auf die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte. Bevor die Ausgrabungen Mitte der 1980er Jahre beschlossen wurden, stritten unterschiedliche Gruppen der Bonner Stadtgesellschaft: Kann an diesem Ort der ehemaligen Synagoge überhaupt ein Hotel neugebaut werden oder sollte dort eine Gedenkstätte für die NS-Opfer entstehen? In der Folge dieser Diskussion gründeten engagierte Bürgerinnen und Bürger 1984 einen Verein, der die Gedenkstätte Bonn bis heute trägt.

Die Gedenkstätte

Seit 1996 erzählt die Gedenkstätte mit ihrer Dauerausstellung die Geschichte von Bonnerinnen und Bonnern, die im Nationalsozialismus ausgegrenzt und verfolgt wurden. Die Suche nach einem Standort mit geschichtlichen Bezügen hingegen ist auch nach über 30 Jahren bis heute nicht abgeschlossen. Auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge am Rheinufer steht das Hotel. Die Ausstellung ist in der Franziskanerstraße 9 in einem Flügel des seit 2010 vollständig geschlossenen Viktoriabades zu sehen.

Dort erforscht und dokumentiert die Gedenkstätte die Geschichte Bonns zur Zeit des Nationalsozialismus. Dazu bietet sie Führungen, Workshops, Vorträge und Sonderausstellungen sowie Rundgänge durch die Stadt an. Im Archiv der Gedenkstätte gibt es Briefwechsel, Tagebücher, persönliche Zeugnisse oder Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, historische Fotos aus Bonn und Umgebung, private Fotoalben und andere Dokumente. Die Präsenzbibliothek im Erdgeschoss besitzt lokal- und regionalgeschichtliche Literatur zu Bonn und dem Rheinland im Nationalsozialismus. Arbeitsplätze lassen sich nach vorheriger Anmeldung nutzen.

Weiterführende Informationen