Erinnerungskultur stärken

Gedenk- und Erinnerungsarbeit in NRW

Der 8. Mai 1945 markierte in Deutschland das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs. Vor mehr als 70 Jahren endete also die Herrschaft der Nationalsozialisten. Warum gute Gedenkarbeit heute dennoch so aktuell ist wie eh und je und was Erinnerungskultur heute ausmacht, erzählt Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, im Interview.

3 Fragen an Klaus Kaiser

Der Zweite Weltkrieg endete in Deutschland heute vor 73 Jahren offiziell. Warum ist die Gedenk- und Erinnerungsarbeit in Nordrhein-Westfalen dennoch nach wie vor aktuell?


Im vergangenen Monat wurden in Berlin zwei kippatragende Männer angegriffen, ein mittlerweile abgeschaffter Musikpreis wurde an zwei Musiker verliehen, die für zum Teil antisemitische und sexistische Texte bekannt sind, "Du Jude" ist auf deutschen Schulhöfen als gängiges Schimpfwort zu hören. Während der Antisemitismus in Deutschland in den vergangenen Jahren rückläufig war, nimmt die Zahl der judenfeindlichen Taten laut Bundesinnenministerium aktuell wieder zu. Das zeigt mir: Wir müssen aufpassen, dass die Schrecken des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten. Kaum ein Jugendlicher hat heute noch Großeltern, die diese Zeit bewusst miterlebt haben. Deswegen ist es auch unsere Aufgabe, über das damals Geschehene aufzuklären und eine wache Erinnerungskultur zu schaffen.

Natürlich gab es zudem, und zwar nicht nur in Hamburg oder Dresden, sondern auch hier in Nordrhein-Westfalen so einschneidende Ereignisse, dass es heute noch eines Erinnerungsortes bedarf. Dazu gehört beispielsweise die Zerstörung der Staumauer der Möhnetalsperre im Zweiten Weltkrieg, die sich in diesem Monat zum 75. Mal jährt. Hier starben unzählige Menschen – etliche blieben vermisst. Die Folgen waren im ganzen Ruhrtal zu sehen bis nach Witten, Essen oder Duisburg. In meiner Heimatstadt in Neheim starben mehr als 1300 Menschen – darunter mindestens 500 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die dort in einem Arbeitslager untergebracht waren und nicht mehr rechtzeitig fliehen konnten. In Neheim gibt es seit vielen Jahren einen Gedenkstein für alle Opfer, seit drei Jahren gibt es zudem auch eine würdige Gedenkstätte direkt unter der Staumauer.

Wie kann diese Erinnerungskultur aussehen und wie kann sie geschaffen werden?

Beim Gedenken gibt es kein Richtig und kein Falsch – jede Generation wird ihren eigenen Weg finden müssen. Für meine Generation gehört die Lichterkette Anfang der neunziger Jahre gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus dazu, an der 1992 in München 400.000 Menschen teilgenommen haben. Heutzutage wird in Sozialen Medien im großen Stil gegen Hass im Internet mobil gemacht. Damals wie heute geht es darum, im Wissen um die Vergangenheit ein gemeinsames Verständnis zu zeigen, dass wir nicht noch einmal in einem Land leben wollen, in dem Menschen angegriffen werden, nur weil einigen deren Weltanschauung, Glauben oder Herkunft nicht passt.

Und je mehr Zeit vergeht, desto wichtiger werden Orte und Dokumentationen. Die Gedenkstätten heute sollen dabei helfen, diesen Weg zu finden. Es geht bei der Erinnerungskultur um mehr als eine geschichtliche Aufklärung. Erinnerungsorte sollen Raum schaffen für Fragen und Debatten zu individueller Verantwortung und gesellschaftlichem Handeln. Eine gute Erinnerungsarbeit, wie wir sie in NRW bereits an vielen Stellen haben, fördert das Bewusstsein für Menschenrechte, Demokratie und Toleranz, ohne den Zeigefinger zu erheben.

Was planen Sie, um die angesprochene Erinnerungskultur wach zu halten und das Gedenken zu beleben?

In Nordrhein-Westfalen gibt es 26 außerordentliche Gedenkstätten und Erinnerungsorte, die alle auf ihre Art dazu beitragen, dass die Grauen von Extremismus und Totalitarismus in unseren Köpfen präsent bleibt. Ich werde in den kommenden Monaten all diese Stätten besuchen. Nur vor Ort kann ich mit den Leuten, die oftmals ehrenamtlich dafür sorgen, unsere Erinnerungskultur zu beleben, sprechen, um herauszufinden, welche Unterstützung benötigt wird. Und ich möchte mit den Besucherinnen und Besuchern der Gedenkstätten und vor allem auch mit Menschen in der Nachbarschaft der Gedenkstätten ins Gespräch darüber kommen, was es bedeutet, eine Gesellschaft zu sein.