Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“

Propaganda auf 20 Quadratmetern

„Ein Volk - Ein Reich - Ein Führer“. In roten und schwarzen Buchstaben strahlte den Funktionären und Besuchern der NSDAP-Ortsgruppe Buer-Erle mehr als vier Meter hoch und fünf Meter breit entgegen, was die Nationalsozialisten schon lange vor ihrer Machtübernahme 1933 forderten. Auffälliger hätte das NSDAP-Parteiprogramm von 1920 an den Wänden einer ehemaligen Parteidienststelle in Gelsenkirchen kaum angebracht worden sein.

Vermutlich um 1937 ließ der damalige Ortsgruppenleiter Franz Switala die Wandinschrift in dem Gebäude an der Cranger Straße in Gelsenkirchen anbringen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nationalsozialisten auch in der lange sozialdemokratisch und kommunistisch geprägten Industriestadt im Ruhrgebiet ihre Macht mit Gewalt gegen Andersdenkende und Anreizen für die „Volksgenossen“ gesichert.

Und dennoch galt es auch 1937 noch, regelmäßig die Allgegenwärtigkeit und Bedeutung der Partei unter Führung Hitlers vor Augen zu führen. Dieses 25-Punkte-Programm war voll von völkischen Wahnvorstellungen: Es lehnte den Kapitalismus als Weltverschwörung ab, schürte aber vor allem nationalistische und rassistische Vorurteile gegenüber Menschen, die anders dachten, einer anderen Religion angehörten oder eine andere Herkunft hatten. In diesem Parteiprogramm 1920 schon zu erahnen, was während des Zweiten Weltkriegs grausame Wirklichkeit wurde: Die Vorstellung der Nationalsozialisten, durch millionenfachen Mord an Juden eine andere Gesellschaft zu formen.

Raum mit Wandinschrift in der Gedenkstätte
Bild: Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ / Möller

Nach den Wahlen zog die NSDAP am 6. April 1933 ins Rathaus Buer ein. Kurz darauf entließen die Nationalsozialisten ab März 1933 politisch missliebige Beamte oder zerstörten systematisch demokratische Organisationen. Besonders hart war auch in Gelsenkirchen die jüdische Bevölkerung von Diffamierungen, Ausgrenzung und Gewalt betroffen. Mit den Transporten in die Konzentrationslager und Ghettos wurden 1942 allein aus Gelsenkirchen etwa 660 Jüdinnen und Juden deportiert. Nur wenige überlebten. Während des Zweiten Weltkriegs war Gelsenkirchen wichtiger Standort der Rüstungsindustrie. In den Werken mussten tausende Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten. Der Rückzug in Luftschutzbunker war für sie verboten. Viele überlebten die Luftangriffe nicht.

Das Gebäude an der Cranger Straße überstand den Krieg ohne große Schäden. Es war 1907 als Polizeirevier für die Gemeinde Buer errichtet worden und wurde nach der Machtübernahme 1933 von der NSDAP Ortsgruppenleitung Buer-Erle genutzt. Die Wandinschrift hatte hier eine doppelte Funktion. Wer sich in der Dienststelle aufhielt, sollte so die Ziele der NSDAP verinnerlichen. Daneben sollte sie ganz einfach den Arbeitsplatz dekorieren. Die Aussage eines Parteimitgliedes, ihm hätte die Wandinschrift so viel Freude bereitet, dass er die Dienststelle am liebsten gar nicht mehr verlassen hätte, ist sicherlich übertrieben. Und doch geht aus einem Artikel über die Ortsgruppe Buer-Erle in der „National-Zeitung“ von 1938 hervor, dass sich Ortsgruppenleiter Switala auf die tatkräftige Unterstützung seiner Mitglieder verlassen konnte, um die 25 Punkte an die Wand zu bringen. 

Die Gedenkstätte

Nach dem Ende der NS-Herrschaft 1945 nutzten unterschiedliche Institutionen das Gebäude. Die Wandinschrift war nach Kriegsende schnell verputzt worden und blieb darunter bis zu ihrer Wiederentdeckung bei Renovierungsarbeiten 1986 weitgehend erhalten. Mit Engagement aus der Stadtgesellschaft und -politik wurde die Inschrift 1989 unter Denkmalschutz gestellt und mit Zuschüssen des Landes NRW konnte die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ in der Folgezeit entwickelt werden. 1994 eröffnete das Institut für Stadtgeschichte in den Räumen an der Cranger Straße eine erste Dauerausstellung.

Digital und medial ansprechend gestaltet, zeigt die im Jahr 2015 völlig überarbeitete Dauerausstellung, wie die nationalsozialistische Herrschaft funktionierte: Durch die Integration von „Volksgenossen“ und die systematische Ausgrenzung von „Gemeinschaftsfremden“. Ausgewählte Gelsenkirchener Lebenswege geben Besucherinnen und Besuchern Einblicke in Einzelschicksale von Verfolgten, die den Biographien der Täter gegenüber gestellt sind und so die reale Praxis des NS-Regimes in Gelsenkirchen multiperspektivisch beleuchten.

Die Dokumentationsstätte gehört zum Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen. Zu den Angeboten und Tätigkeiten gehören pädagogische Konzepte für spezifische Besuchergruppen, Veranstaltungen und Vorträge.

Weiterführende Informationen