Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Der Staffelstab

Aus Holz gefertigt und etwas ramponiert liegt er da: ein gewöhnlicher Staffelstab, wie man ihn aus der Leichtathletik kennt. Bei Gruppenwettkämpfen wird er von Läufer zu Läufer weitergegeben. Doch so unscheinbar das kleine Holzstück aus der Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf auch wirkt, es hat eine bewegende Reise hinter sich.

Im Gepäck eines Jugendlichen gelangte der Staffelstab im Februar 1939 von Düsseldorf nach England. Sein Besitzer Rudi Löwenstein war Jude. Mit einem Kindertransport floh er vor den Nationalsozialisten. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ interniert und nach Kanada in ein Gefangenenlager überführt. Erst im Mai 1942 kam Rudi Löwenstein frei. Er lebte bis zu seinem Tod 2004 in Kanada. Den Staffelstab behielt er. Schließlich erinnerte dieser ihn an drei gute Freunde aus Düsseldorf: Kurt Eckstein, Heinz Jokl und Werner Philipp.

Die vier Jugendlichen hatten eines gemeinsam: Als Juden wurden sie von den Nationalsozialisten diskriminiert und verfolgt. Der Sport bot ihnen die Möglichkeit, die ausgrenzenden Sprüche und beängstigenden Angriffe wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen. Alle vier wurden Mitglied in der Sportabteilung des „Reichsbunds Jüdischer Frontsoldaten“. Bei einem Leichtathletik-Wettkampf in Köln am 19. Juni 1938 traten sie zum letzten Mal gemeinsam an. Anschließend setzte die Pogromnacht vom 9. November 1938 dem jüdischen Sportverein endgültig ein Ende.

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(Bild: Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf)

Rudi Löwenstein war der erste der vier Jugendlichen, dem es gelang, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen. Sein Freund Kurt Eckstein versuchte 1939 ebenfalls nach England zu entkommen. Doch alle Versuche waren vergebens. Am 10. November 1941 wurde er genau wie sein Freund Heinz Jokl von den Nationalsozialisten nach Minsk deportiert. Im gleichen Deportationstransport befanden sich auch die Eltern und die ältere Schwester von Werner Philipp. Werner selbst konnte Deutschland hingegen noch rechtzeitig verlassen.

Werner Philipp und Rudi Löwenstein blieben in Kontakt. 1993 besuchten sie gemeinsam ihre frühere Heimatstadt. Den Staffelstab brachten sie mit und schenkten ihn der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Sie wollten verhindern, dass das Schicksal ihrer ermordeten Freunde in Vergessenheit gerät.

Die Gedenkstätte

Die Gedenkstätte erforscht und dokumentiert die Ereignisse in Düsseldorf in den Jahren von 1933 bis 1945. Neben der Suche nach Dokumenten und Fotos in Archiven steht hierbei vor allem der Kontakt zu Zeitzeugen, Überlebenden und deren Nachfahren im Vordergrund. Die Reise des kleinen Holzstücks ist hier zu Ende. Mit folgender Widmung hat der Staffelstab einen festen Platz in der Dauerausstellung „Düsseldorfer Kinder und Jugendliche 1933 bis 1945“ erhalten:

„In schmerzlich ehrendem Andenken an unsere von den Nazis ermordeten Staffelkameraden Kurt Eckstein (*2. Juli 1923 in Düsseldorf; gest. in Auschwitz) und Heinz Jokl (*28. Februar 1923 in Düsseldorf – gest. in Minsk) und an alle anderen Sportfreunde“