NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld in der Villa Merländer

Ein Sommerkleid mit „Judenstern“

„Kleider machen Leute“, sagt ein altes Sprichwort. Kleidung prägt erste Eindrücke und kann Auskunft geben über gesellschaftliche Stellung, kulturelle Zugehörigkeit oder ganz einfach über Vorlieben beispielsweise für Farben. Dass Menschen mit ihrer Kleidung nicht nur Gruppen zugehören, sondern auch aus ihnen ausgeschlossen werden können, haben die Nationalsozialisten brutal ausgenutzt: Kaum ein Symbol ist so stark mit der Verfolgung der europäischen Juden verbunden wie der gelbe sechszackige Stern, den auch die Krefelderin Lore Gabelin auf ihrer Kleidung tragen musste.

Ein schönes blaues Sommerkleid wie dieses war bei jungen Frauen in den 1930er und 1940er Jahren modern. Darin unterschied sich Lore nicht von den jungen Frauen der Krefelder Stadtgesellschaft. Doch schon kurz nach der Machtübernahme 1933 musste sie als elfjähriges Mädchen lernen, dass sie, ihre kleine Schwester und ihre Eltern aus Sicht der Nationalsozialisten genau aus dieser Stadtgesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Ihre Mutter Else war Jüdin.

Ein blaues Kleid mit einem aufgenähten "Judenstern"
Bild: NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld in der Villa Merländer

Lores Vater Friedrich Müller stammte aus einer katholischen Familie und war Inhaber eines Elektrogeschäfts. Nach der Machtübernahme drohte ihm das wirtschaftliche Aus, weil von der NSDAP und der Gestapo Druck auf ihn ausgeübt wurde. Sie verlangten von ihm, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Doch er weigerte sich, blieb bei seiner Familie und damit auch bei Lore. Das Mädchen wurde katholisch getauft, nahm aber auch am jüdischen Religionsunterricht teil.

Der gelbe Stern wird zur Pflicht

Die so genannten „Nürnberger Gesetze“ von 1935 stuften sie fortan als „Mischling ersten Grades“ ein. Als „Mischling“ musste sie den gelben Stern auf ihrer Kleidung zunächst noch nicht tragen, als er für alle Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich 1941 zur Pflicht wurde. Die Aufschrift „Jude“ war so gestaltet, dass sie die hebräische Schrift ins Lächerliche zog. Die deutschen Besatzer hatten ihn schon im November 1939 für alle Juden in Polen zur Pflicht gemacht. Eine solche Form der Diskriminierung hatte es in der Moderne bis dahin nicht gegeben, obschon im Mittelalter Juden in ganz Europa gezwungen worden waren, Kleidungsstücke als Erkennungsmerkmale zu tragen.

Nach den ersten Deportationen vom Niederrhein wurde auch für die so genannten „Mischlinge“ die Lage immer bedrohlicher. Ab 1943 mussten auch sie das Ausgrenzungszeichen sichtbar und fest angenäht auf ihrer Kleidung tragen.

Lore selbst heiratete 1942 den ebenfalls aus einer katholisch-jüdischen Ehe stammenden Werner Gabelin. Auch er galt als „Mischling 1. Grades“. Am 17. September 1944 wurden schließlich auch die noch in Krefeld lebenden „Halbjuden“ oder mit „Ariern“ verheirateten Juden von der Polizei festgenommen und zu einem Sammelplatz gebracht.

Deportation ins Lager Theresienstadt

Lore, ihr Mann, ihre Mutter und die Schwester Ilse wurde zusammen mit anderen zum Schlachthof Düsseldorf transportiert. Das junge Ehepaar hatte zu dem Zeitpunkt bereits einen kleinen Sohn, den sie erst bei Nachbarn, später bei katholischen Verwandten unterbringen konnten – er entging damit der Deportation. Frauen und Männer wurden getrennt. Ihre Mutter und ihre Schwester kamen in ein Arbeitslager der Organisation Todt. Sie hingegen, die damals im 6. Monat schwanger war, wurde aus ungeklärten Gründen der Männergruppe zugeordnet. Über Umwege kam sie nach mehreren Wochen ins Lager Theresienstadt. 

Ihr zweiter Sohn Thomas kam dort zur Welt und überlebte wie durch ein Wunder. Auch Lores Schwester, ihr Mann und ihr erstgeborener Sohn konnten überleben. Insgesamt aber kamen 65 Verwandte der Familien Müller und Gabelin im Holocaust ums Leben. Lore Gabelins Mutter verstarb an Typhus, woran sie sich ansteckte, als sie sich unmittelbar nach ihrer Befreiung in Theresienstadt um kranke Häftlinge kümmerte. Nach der Befreiung hatte sie sich freiwillig dafür gemeldet, sich um diejenigen in Theresienstadt zu kümmern, die zu krank waren, um das Lager zu verlassen.

Lore Gabelin und ihr Mann kehrten mit Kindern nach Krefeld zurück. Lore wurde Mitglied der neu gegründeten jüdischen Gemeinde und war am Aufbau einer NS-Gedenkstätte in Krefeld beteiligt. Sie stiftete zahlreiche persönlichen Gegenständen für die Dauerausstellung „Krefeld und der Nationalsozialismus“ in der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld in der Villa Merländer. Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte können dort die deutsch-jüdische Geschichte der Großstadt am Niederrhein erkunden.

Die Gedenkstätte

In der Villa Merländer finden heute Lesungen, Vorträge oder auch Konzerte statt, die an die Krefelder NS-Verfolgten erinnern. Die pädagogische Arbeit bildet einen weiteren Schwerpunkt.

Die Ausstellung ist mittwochs von 9 bis 12 Uhr und an jedem vierten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen und andere Veranstaltungen können nach Vereinbarung gebucht werden.

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