Forschung am Fortschrittskolleg "FUTURE WATER – Globale Wasserforschung in der Metropole Ruhr"

Wasserkonflikte: ein Wissenschaftler als Streitschlichter

Doktorand Johannes Euler am Baldeneysee in Essen.
Johannes Euler forscht unter anderem zum "Commoning" in der Wasserwirtschaft. (Bild: Ministerium für Kultur und Wissenschaft)

Auf einer Länge von fast acht Kilometern erstreckt sich der Baldeneysee im Süden der Stadt Essen. Erholungssuchende Städterinnen und Städter aus der ganzen Region zieht es an sonnigen Tagen hierher. Ob beim Windsurfen, Angeln oder Joggen - alle wollen dem funkelnden Nass so nah wie möglich sein. "In Mitteleuropa gibt es zum Glück sehr viel Wasser", sagt Johannes Euler bei einem Spaziergang am See. Zu Interessenskonflikten komme es aber trotzdem. Wie diese künftig besser gelöst werden können, damit beschäftigt sich der 29-Jährige in seiner Dissertation. 

Johannes Euler promoviert am Fortschrittskolleg "Future Water", das von den Universitäten Duisburg-Essen und Bochum, der Hochschule Ruhr-West, der EBZ Business School, dem Institut für Energie und Umwelttechnik sowie dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen organisiert und vom Zentrum für Wasser- und Umweltforschung an der UDE koordiniert wird. Zwölf Promovierende aus unterschiedlichen Wissenschaften wollen Handlungsempfehlungen für einen nachhaltigen Umgang mit Wasser geben. Ihr Forschungsraum ist vor allem das Ruhrgebiet, ihre Praxispartner sind lokale Akteure wie der Ruhrverband, die Emschergenossenschaft oder die Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft. 

Der gebürtige Bremer Johannes Euler hat einen Master in Politik, VWL und Philosophie. Seine Doktorarbeit mit dem Titel "Wasser als Gemeinsames: Potenziale und Hemmnisse von Commoning für die Lösung von Konflikten bei der Wasserbewirtschaftung" schreibt er in der Volkswirtschaftslehre. Den Begriff Commoning zu erklären, ist gar nicht so leicht. Im weitesten Sinne ist damit gemeint, dass Ebenbürtige in gegenseitigem Einverständnis die Produktion, Nutzung und Erhaltung von Ressourcen gemeinsam betreiben und verantworten.

Als Beispiel führt der Doktorand die solidarische Landwirtschaft an. Ein Modell, das sich nicht nur im ländlichen Raum, sondern insbesondere in vielen Ballungszentren immer größerer Beliebtheit erfreut. Mehrere Privat-Haushalte tragen die Kosten von Landwirten solidarisch und bringen sich zum Teil selbst als Arbeitskräfte ein. Im Gegenzug erhalten sie frisches Obst- und Gemüse und bestimmen mit, wie und was angebaut wird. "Entscheidend ist dabei, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden und so etwas Gemeinsames entsteht", sagt Johannes Euler. Wichtig sei zudem, dass das Miteinander auf Freiwilligkeit basiert, mit möglichst wenigen hierarchischen und kommerziellen Strukturen. 

Bei seiner Forschung profitiert Johannes Euler vom Austausch mit den anderen Kollegiatinnen und Kollegiaten. Bei Fragen zu Umweltschutz oder biologischer Vielfalt wendet er sich an die Biologinnen und Biologen oder die Chemikerinnen und Chemiker im Team, wenn es um den Einfluss von Bauwerken wie Brunnen oder Staudämmen geht, sind die Ingenieurinnen und Ingenieure gefragt. Die Doktorandinnen und Doktoranden forschen zu Themen wie Abwasserentsorgung, Gewässerrenaturierung oder genaueren Testverfahren zur Bestimmung von Krankheitserregern. Das Interesse der Wasserwirtschaft ist groß. Strengere Vorschriften wie die Europäische Wasserrahmenrichtlinie erfordern ein Umdenken. Gleichzeitig sind die Promovierenden auf die Erfahrungen aus der Praxis angewiesen. 

Beispiele des Commoning aus Kanada und Bolivien

"Es gibt schon Beispiele für Commoning in der Wasserwirtschaft", sagt Johannes Euler. Zwei davon, eines in Kanada und eines in Bolivien, will er sich demnächst anschauen. Wie Deutschland ist auch Kanada ein wasserreiches Land und dennoch gibt es Konflikte. An einem Stausee in British Columbia hat sich deshalb eine Art "runder Tisch" gebildet. Verwaltung, Interessensverbände, indigene Gruppen und andere Bürgerinnen und Bürger versuchen die teils gegensätzlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen. Um zu verstehen, wie solche Aushandlungsprozesse funktionieren, macht Johannes Euler eine Ausbildung in der Konfliktmoderation.

Vom kanadischen British Columbia zurück zum Essener Baldeneysee. Johannes Euler könnte sich auch hier einen "runden Tisch" vorstellen. Wer darf den See auf welche Weise nutzen? Welche Grenzwerte müssen eingehalten oder welche Düngemittel dürfen auf den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen verwendet werden? Das seien Entscheidungen, an denen die Menschen, die in der Nähe des Sees leben, bislang meist nur indirekt über die Verwaltung beteiligt seien, so der Doktorand. „Commoning könnte dazu beitragen, dass gemeinsam Lösungen gefunden werden, mit denen alle einverstanden sind. Darüber hinaus zeigt die Forschung, dass Menschen mit Ressourcen, für die sie selbst verantwortlich sind, tendenziell nachhaltiger umgehen. Die Wasserqualität würde also vermutlich steigen."