Forschung am Fortschrittskolleg "GROW - Wohlbefinden bis ins hohe Alter / Gerontological Research On Well-Being"

Karten spielen im Dienste der Wissenschaft

Natalia Schulz vom Fortschrittskolleg beim Kartenspielen mit älteren Spätaussiedlern.
Natalia Schulz forscht am Fortschrittskolleg "GROW" über die Lebenswelt älterer Spätaussiedler. (Bild: Ministerium für Kultur und Wissenschaft / Bettina Engel-Albustin)

Graue Betonklötze ragen in den Himmel. Zwischen den kahlen Häuserschluchten ist es schattig und kühl. Der Driescher Hof im Südosten der Stadt Aachen ist ein vergleichsweise junger Ortsteil. Die meisten Gebäude wurden in den 1960er bis 1980er Jahren gebaut. Günstiger Wohnraum ohne Schnickschnack und Individualität. Heute leben hier viele Spätaussiedler. Sie sind mit der letzten großen Aussiedlerwelle Anfang der 1990er Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen und inzwischen im Rentenalter. 

Wie geht es diesen Menschen? Wie erleben sie das Altwerden? Und mit welchen Schwierigkeiten haben sie dabei zu kämpfen? Diese Fragen stellt sich Natalia Schulz. Nein, die junge Frau ist keine Sozialarbeiterin. Sie schreibt an ihrer Dissertation, einer ethnografischen Feldforschung über die Lebenswelt älterer Spätaussiedler und stellt sich die Frage, was diese Menschen in ihrem Alltag unternehmen, um sich wohl zu fühlen.

Natalia Schulz hat an der Universität Siegen Soziologie studiert. Noch bevor sie sich um die Promotion am Fortschrittskolleg „Wohlbefinden bis ins hohe Alter“ der Universität Köln bewarb, lernte sie Birgitt Lahaye-Reiß vom Aachener Förderverein „Integration durch Sport“ kennen. Unterstützt von der Stadt Aachen hat der Verein im Driescher Hof das Projekt GLAS „Gesunder Lebensstil – aktiv und selbstbestimmt“ gestartet, ein Gesundheitsprojekt für ältere Menschen mit Migrationshintergrund. Durch die Forschungsarbeit der Kölner Wissenschaftlerin erhofft sich der Verein mehr über die Spätaussiedler zu erfahren. „Die Gruppe ist sehr isoliert“, sagt Birgitt Lahaye-Reiß. Präventionsangebote sollen besser auf die Bedürfnisse der Zielgruppe abgestimmt werden. 

Nähe zu den Bewohnern ist besonders wichtig

Natalia Schulz und  Birgitt Lahaye-Reiß  sind oft gemeinsam im Quartier unterwegs. An diesem Vormittag hatten sie einen Termin bei der Stadtteilmanagerin, jetzt geht es weiter zu einer Tagesstätte für Senioren. Die Einrichtung hat erst vor wenigen Tagen im Stadtteil eröffnet. Natalia Schulz möchte die Leiterin fragen, ob sie ein Praktikum in der Tagesstätte machen kann. Die Doktorandin glaubt, dass die Einrichtung von den Mieterinnen und Mietern der umliegenden Häuser gut angenommen wird. „Sowohl die Leiterin als auch das Fachpersonal beherrschen die Muttersprache Russisch und bekommen auf diese Weise einen besonderen Zugang zu den Menschen, die hier leben“, sagt sie. 

Das Praktikum ist nur einer von vielen Versuchen, näher an die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels heranzukommen. Aus dem gleichen Grund besucht die 30-Jährige seit einem Jahr jeden Donnerstag das „Café Miteinander“. Eine Gruppe von Spätaussiedlerinnen –die Jüngste ist 77, die Älteste 88 - trifft sich in dem Stadtteilcafé. „Ich komme dorthin und spiele mit denen Karten“, erzählt die Kollegiatin. Bei „Elfer Raus“ versucht Natalia Schulz mit den Frauen ins Gespräch zu kommen. Kein leichtes Unterfangen, das Misstrauen gegenüber Fremden ist groß.  

Mit ihrem im Studium erworbenen Fachwissen stößt die Soziologin dabei an Grenzen. Vor allem sozialpsychologische Kenntnisse sind gefragt. Der Austausch mit den anderen Kollegiatinnen und Kollegiaten ist für die Doktorandin deshalb wichtig. Elf Promovierende aus den Bereichen Soziologie, Gesundheitsökonomie, Pädagogik, Psychologie, Rehabilitationswissenschaften und Politikwissenschaften gehören zum Kölner Fortschrittskolleg.

Was Natalia Schulz außerdem hilft, sind ihre eigenen Wurzeln. Sie ist selbst Spätaussiedlerin. Mit vier Jahren ist sie nach Deutschland gekommen und spricht fließend Russisch. Und zum Glück verfügt die junge Frau über eine gute Portion Beharrlichkeit. Eine Eigenschaft, die sich im Driescher Hof auszahlt. „Neulich hat mich eine ältere Dame zu sich nach Hause eingeladen. Wir haben zusammen Mittaggegessen“, erzählt sie. Was das Praktikum in der Tagesstätte für Senioren betrifft, kann die 30-Jährige ebenfalls einen Erfolg vermelden. Fast eine Stunde dauert das Gespräch. Sowohl die Mitarbeiterinnen als auch die Leiterin, selbst eine Bewohnerin des Driescher Hofs, sind zunächst skeptisch. Was will die junge Frau?  Warum will sie mehr über die Menschen im Quartier erfahren? Dass sie sich letztlich doch darauf einlassen, ist vermutlich nicht zuletzt der offenen und sympathischen Art der Doktorandin geschuldet.

Vorsichtig formuliert die Wissenschaftlerin dann auch eine erste Forschungserkenntnis: Präventionsangebote wie Gesundheitskurse müssen sich an den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer orientieren. Deshalb ist es wichtig, dass die Organisatoren zunächst mehr über die kulturspezifischen Eigenschaften der Gruppe erfahren. Handlungsempfehlungen wie diese dürften für lokale Akteure weit über die Grenzen der Stadt Aachen hinaus von Interesse sein.