Rheinische Post: "Die Hochschulen wissen es selbst am besten"

06. November 2017: Die NRW-Wissenschaftsministerin verspricht Unis und Fachhochschulen mehr Freiraum, sieht aber in der Forschung auch "Luft nach oben"

Düsseldorf. Isabel Pfeiffer-Poensgens Büro ist kahl – noch. Frisch gestrichen seien die Wände zwar, sagt Nordrhein-Westfalens parteilose Kultur- und Wissenschaftsministerin. Aber die Bilder fehlen noch, denn was ihre Vorgängerin Svenja Schulze (SPD) hatte aufhängen lassen, gefiel Pfeiffer-Poensgen nicht. Findungsphase also. Hochschulpolitisch sei sie, sagt die Ministerin, noch "in der Betrachtungsphase" – heißt: Sie sucht das Gespräch mit den Rektoren, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Große Linien ihrer Politik aber werden schnell klar.

Können Sie die Klagen vieler Professoren verstehen, Schulabgängern fehle heute oft die Studierfähigkeit?

Pfeiffer-Poensgen: Dieses Argument kenne ich seit 20 Jahren. Das scheint mir eine Generationenfrage zu sein – die Schwerpunkte sind einfach unterschiedlich. Die Qualifikationen sind heute andere.

Ähnliche Klagen führen Unternehmen über die Bachelor-Absolventen.

Pfeiffer-Poensgen: Dann wäre zu fragen, was genau fehlt und ob die Erwartungen realistisch sind.

... weil ein Studium nicht nur mit Einstellbarkeit zu tun haben sollte?

Pfeiffer-Poensgen: Seien wir realistisch: Unsere Absolventen müssen auf dem Arbeitsmarkt bestehen können. Andererseits sollte jede Hochschulausbildung über die Qualifikation für einen bestimmten Beruf hinausgehen. Es geht ja nicht nur um Spezialisierung, sondern auch darum, sich auf neue Herausforderungen
einzustellen. Das geht über das enge Fachwissen hinaus.

Ist unsere Bildung zu ökonomisiert?

Pfeiffer-Poensgen: Darüber will ich mir in weiteren Gesprächen mit den Hochschulen ein vertieftes Bild machen.

Aber einen Eindruck haben Sie doch.

Pfeiffer-Poensgen: Es sollte in der Studienzeit die Gelegenheit geben, den Blick zu weiten. Wir müssen uns die Frage stellen, ob das derzeit noch ausreichend möglich ist.

Liegt das womöglich auch an der immer extremeren Spezialisierung der Bachelor-Studiengänge?

Pfeiffer-Poensgen: Die Tendenz zu immer mehr spezialisierten Studiengängen ist in meiner Wahrnehmung inzwischen wieder rückläufig...

... in NRW gibt es allein mehr als 2000 Bachelor-Studiengänge.

Pfeiffer-Poensgen: In dieser Angelegenheit entscheidet jede Hochschule autonom.

Aber eine stärkere Konzentration halten Sie schon für wünschenswert?

Pfeiffer-Poensgen: Ja. Am Ende müssen die Studenten in jedem Fach auf einem gewissen Fundament aufbauen können. Und das geht bei thematisch sehr engen Studiengängen eben nicht. Da gab es sicher Übertreibungen.

Ist die NRW-Studierquote von rund zwei Dritteln zu hoch?

Pfeiffer-Poensgen: Darüber habe ich neulich bei meinem Besuch in der Agentur für Arbeit NRW auch gesprochen. Die Vorsitzende der Geschäftsführung sagte sehr klar: Nein! Bei Akademikern herrscht praktisch Vollbeschäftigung.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat gesagt: Dieses Land braucht
mehr Akademiker. Richtig?

Pfeiffer-Poensgen: Das würde ich so pauschal nicht unterschreiben.

Muss die Politik da steuern?

Pfeiffer-Poensgen: Bei uns herrscht Berufsfreiheit. Wer lieber BWL studieren will, statt Handwerker zu werden, der soll das können.

Wann kommt das neue Hochschulgesetz?

Pfeiffer-Poensgen: Im Laufe des nächsten Jahres.

Was muss dringend drinstehen?

Pfeiffer-Poensgen: Was im Koalitionsvertrag steht: weniger Bürokratie, wieder mehr Autonomie der Hochschulen. Die Durchgriffsrechte auf das Hochschulmanagement etwa sollen abgeschafft werden. Danach können wir uns dem widmen, worum es eigentlich gehen sollte.

Und das wäre?

Pfeiffer-Poensgen: Gute Studien- und Forschungsbedingungen.

Gehören gute Forschungsbedingungen nicht ins Gesetz?

Pfeiffer-Poensgen: Welche zum Beispiel?

... die von Rot-Grün eingeführte Zivilklausel, die Hochschulen auf friedliche Forschung verpflichtet?

Pfeiffer-Poensgen: Gute Forschung lässt sich nicht staatlich verordnen. Die Hochschulen bestehen schließlich nicht aus Militaristen, die nichts Besseres zu tun haben, als Rüstungsforschung zu betreiben. Keine Hochschule ist gezwungen, solche Klauseln aus ihrer Grundordnung wieder zu entfernen, wenn die Zivilklausel im Hochschulgesetz gestrichen wird. Hochschulen wissen selbst am besten, wie sie gut forschen und arbeiten.

Warum wollen Sie den Hochschulen wieder erlauben, die Anwesenheit der Studenten zu verlangen?

Pfeiffer-Poensgen: Erstens ist das eine Frage der Hochschulautonomie. Zweitens gibt es Formen der Lehre, bei denen Anwesenheit sinnvoll ist. Das muss vor Ort in den Gremien der Hochschulen diskutiert und entschieden werden.

Was bräuchte man, um aus der Uni Düsseldorf Harvard zu machen?

Pfeiffer-Poensgen: Grundsätzlich inhaltliche Profilbildung – und sehr viel Geld, um die Betreuung zu verbessern. Uns fehlt hier allerdings die grundsätzliche Bereitschaft der Zivilgesellschaft wie in den USA, diese riesigen Beträge zur Verfügung zu stellen. Diese Art der Finanzierung, verbunden mit hohen Studiengebühren, erhöht für beide Seiten im Studium die Verbindlichkeit. Bereits in den siebziger Jahren haben wir uns in Deutschland für ein ganz anderes Bildungssystem als das in den USA oder auch in Großbritannien entschieden.

Um wirklich Spitze zu werden, sind Milliarden nötig. Brauchen wir mehr private Finanzierung?

Pfeiffer-Poensgen: Ich habe keine Berührungsängste, mich mit Privaten zu verbünden, um bestimmte Ziele zu erreichen, etwa in der Forschung. Mehr Drittmittel von kleinen und mittleren Unternehmen wären wünschenswert, und wir sollten überlegen, das steuerlich attraktiver zu machen. Es gilt aber auch: Hochschulfinanzierung, vor allem bei der Infrastruktur, ist in erster Linie staatliche Aufgabe. Man darf allerdings nicht vergessen: Nicht nur die Grundfinanzierung kommt derzeit aus der öffentlichen Hand, sondern auch der Großteil der Drittmittel.

In der Endrunde der Exzellenzinitiative stehen 88 Anträge, davon 19 aus Nordrhein-Westfalen. Reicht das?

Pfeiffer-Poensgen: Wir sind damit sehr zufrieden. Jetzt geht es darum, in der zweiten Phase zu reüssieren.

Anders gefragt: Ist Nordrhein-Westfalen in der Exzellenzforschung seiner Bedeutung gemäß aufgestellt?

Pfeiffer-Poensgen: Die Hochschulen im Land sind gut aufgestellt, die Uni Bonn zum Beispiel ist nach der Zahl der zugelassenen Anträge bundesweiter Spitzenreiter, und auch die Uni Münster ist sehr gut aufgestellt. Aber es ist auch immer Luft nach oben. Es wird Zeit, dass der alte Westen sich neu positioniert.