Aufstiegsstipendium

Viele Stipendien – Viele Wege zur Förderung: Wiebke

Portrait Wiebke
Bild: A. van Nahl, SBB

Bei Beginn ihrer Berufsausbildung hätte sich Wiebke Henningsen ein Studium noch gar nicht vorstellen können. Nun ist sie als Studentin in Reisevorbereitungen: In ihrem Studium der Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg wird sie für ein Praxissemester an den Standort eines großen deutschen Konzerns bei  Los Angeles gehen. Unterstützung für das Studium erhält sie durch das Aufstiegsstipendium für Berufserfahrene, einem Programm des Bundesbildungsministeriums, das sich speziell an engagierte Fachkräfte mit Berufsausbildung und mehrjähriger Praxiserfahrung richtet.

Die Realschule in Ratekau bei Lübeck hatte Wiebke mit sehr guten Noten abgeschlossen.  Für Wiebke gab es die Option, auf ein Gymnasium zu wechseln oder eine Berufsausbildung zu machen. „Ich wollte gerne etwas Praktisches lernen“, erinnert sich Wiebke. „Wenn bei uns Zuhause etwas kaputt ging, war oft ich es, die versucht hat, es zu reparieren – und meistens hat es auch funktioniert“, lacht sie.

Mit gutem Abschluss zum Ausbildungsplatz

Über ein Schulpraktikum erlangt Wiebke Einblick in die Arbeit eines Unternehmens für Medizintechnik und bewirbt sich um eine Ausbildung. Von Medizintechnik bekommt sie auch Zuhause einiges mit, denn ihr Vater ist Servicetechniker für medizinische Geräte. In seiner kleinen Werkstatt hat Wiebke ihn schon oft unterstützt. Daher ist sie begeistert über die Zusage für die Ausbildung zur Elektronikerin für Geräte und Systeme: „Die Elektronik in hochspezialisierten Geräten zu fertigen und zu testen, war genau das, was mich interessierte.“  In der Ausbildung zeigt Wiebke was sie kann, ihre Abschlussarbeit schreibt sie bereits in der Forschungsabteilung und bei der Ausbildungsprüfung  erreicht sie 90 Punkte, ein “sehr gut“.

Nach dem Ausbildungsabschluss kann Wiebke im Unternehmen als Facharbeiterin einsteigen, und zwar direkt mit einer sehr verantwortungsvollen Position: „Im Unternehmen gab es gerade eine offene Stelle im ‚Component Engineering‘, auf die ich mich bewerben konnte – und dann glücklicherweise auch erhalten habe“, schmunzelt Wiebke. Ihre Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass die elektronischen Bauteile für die Medizingeräte immer auf dem aktuellen Stand sind. Wenn Zulieferer bisher verwendete Bauteile durch Neuentwicklungen ersetzen, überprüft Wiebke in Zusammenarbeit mit den betroffenen Fachbereichen, ob diese ebenfalls zuverlässig für die hochkomplizierten Medizingeräte funktionieren oder ob für den Einsatz Bauteile von anderen Zulieferern besser geeignet sind.  „Bei den Spezialgeräten für Kliniken muss einfach alles stimmen, da geht es schließlich am Ende um Menschenleben“, erklärt Wiebke.

Ich sagte mir: Du hast schon so viel geschafft, du schaffst auch ein Studium.

Wiebkes Chef ermutigt sie, sich weiter zu qualifizieren und so startet sie bereits wenige Monate nach dem Ausbildungsabschluss mit einer berufsbegleitenden Weiterbildung zur Technikerin. Das bedeutet vier Jahre lang nach der Arbeit noch lernen. Der Unterricht ist Dienstag und Donnerstag am Abend und am Samstag von 7:30 Uhr bis zum Nachmittag. „Freitags Party war da selten möglich, weil ich am nächsten Morgen fit sein musste“, sagt Wiebke. Für ihre Hobbies, darunter eine Gruppe für orientalischen Tanz, bleibt nur wenig Zeit. „Aber die Technikerweiterbildung hat sich gelohnt - und als nach der Halbzeit die Noten immer noch sehr gut waren, sagte ich mir: ‚Du hast schon so viel geschafft, du schaffst auch ein Studium‘.“

Auf die Motivation kommt es an

Zusammen mit der Technikerqualifikation hat Wiebke auch das Fachabitur erreicht und recherchiert nach Studienangeboten. Davon, dass Wiebke ihren guten Job für ein Studium aufgeben will, ist ihre Mutter erst einmal nicht so begeistert. Dann aber rät sie Wiebke, sich doch einmal nach Stipendien umzuschauen. Bei der Suche im Internet stößt Wiebke auf das Aufstiegsstipendium für Berufserfahrene: „Ich dachte mir, das kann doch nicht wahr sein, das passt ja perfekt!“ Sie sendet die Online-Bewerbung und ist mit ihrem hervorragenden Ausbildungsabschluss schon bald eine Runde weiter. „Bei der nächsten Stufe, dem Online-Kompetenz-Check, war ich vorher schon ziemlich nervös. Aber es wurde kein Fachwissen abgefragt, sondern es ging hauptsächlich um die Motivation fürs Studium. Es wird z.B. nach Beispielen für  Durchhaltevermögen über einen längeren Zeitraum gefragt und ob man mit anderen Menschen gut umgehen kann.“ Auch das Auswahlgespräch hat Wiebke in guter Erinnerung: „Da war eine sehr positive Atmosphäre und die Juroren hatten wirklich Interesse daran, was ich schon gemacht habe und was ich studieren möchte.“

Nach der Zusage für das Aufstiegsstipendium wird die Suche nach dem passenden Studium ganz konkret, Wiebke hat nach der Aufnahme ein Jahr Zeit, mit dem Studium zu beginnen. Sie entscheidet sich für das Fach Wirtschaftspsychologie: „Mit meinem Hintergrund hätte sich natürlich auch ein Studium in der Medizintechnik angeboten, ich möchte aber später im Projektmanagement arbeiten und da ist Wirtschaftspsychologie eine gute Grundlage. Außerdem möchte ich in grundsätzlich dazu beitragen, dass es mehr Frauen in der Führungsebene gibt “, erläutert Wiebke ihre Motivation.  Für das Studium zieht Wiebke von Schleswig-Holstein nach Nordrhein-Westfalen. „Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg hat einen guten Ruf und bietet den Studiengang mit genau den Schwerpunkten an, die ich gesucht habe – und ich wollte auch einmal raus und woanders leben“, sagt sie. Nach fast fünf Jahren im Beruf beginnt sie ihr Studium.

„Ins Studium musste ich mich am Anfang erst hineinfinden“, blickt Wiebke zurück. „Ich hatte vorher ja vor allem technische Sachen gelernt. Aber die Wirtschaftsthemen und die Psychologie finde ich einfach spannend. Außerdem haben wir im Studium gute Arbeitsgruppen." Gerne informiert sie andere Studierende mit einem beruflichen Hintergrund über die Studienförderung für Berufserfahrene. Unter anderem betreute sie mit einem Mitstipendiaten bei einer Veranstaltung der Hochschule einen Infostand zum Aufstiegsstipendium.

Bald beginnt für Wiebke das  fünfte Semester, das Praxissemester, bei dem die Studierenden Erfahrung in einem Unternehmen sammeln. Über einen Job als Werkstudentin konnte sie Kontakt zu einem international arbeitenden Unternehmen knüpfen und sich erfolgreich um ein Praktikum in Kalifornien bewerben. Für das Auslandssemester erhält Wiebke im Aufstiegsstipendium noch einmal eine zusätzliche monatliche Pauschale. „Das Praxissemester in den USA wird eine ganz besondere Erfahrung, ich freue mich schon sehr darauf“, sagt Wiebke.