127 Menschen starben durch Novemberpogrome von 1938: Landesweite Studie nennt erstmals die Todesopfer für Nordrhein-Westfalen

Weit mehr Menschen durch antijüdische Ausschreitungen ums Leben gekommen als bisher angenommen – Nordrhein-Westfalen legt als erstes Bundesland wissenschaftliche Studie zu Opferzahlen vor

05.11.18

Mindestens 127 Menschen kamen im Zuge der Novemberpogrome von 1938 auf dem Gebiet des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen ums Leben – das ist das Ergebnis eines landesweiten Forschungsprojekts der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf. Die Ergebnisse des vom Land geförderten Projekts belegen, dass die bisher kursierende Zahl von 91 Toten im gesamten damaligen Deutschen Reich viel zu niedrig ist. Forscherinnen und Forscher haben die Abschlussergebnisse der Studie gemeinsam mit Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft, in der Mahn- und Gedenkstätte vorgestellt.

„80 Jahre nach der Reichspogromnacht nehmen antisemitische Übergriffe wieder zu. Umso wichtiger ist es, über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuklären und die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten“, sagte Staatssekretär Kaiser. „Die Studie der Mahn- und Gedenkstätte zeigt nicht nur, dass im heutigen Nordrhein-Westfalen sehr viel mehr Menschen im Zuge der Novemberpogrome umgekommen sind, als bisher angenommen. Den Forschern ist es auch gelungen, die Identität der Toten zu ermitteln. Die Opfer der Novemberpogrome sind nun keine anonyme Gruppe mehr, sondern Menschen, mit jeweils individuellem Einzelschicksal, dem wir uns stellen müssen.“

Während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 und in den Tagen danach wurden in ganz Deutschland Juden verfolgt, misshandelt und getötet. Die Nationalsozialisten setzten zahlreiche Synagogen in Brand und zerstörten jüdische Wohnungen, Geschäfte und Büros. Auch 80 Jahre nach den Novemberpogromen gibt es nur Schätzzahlen zu den Todesopfern im gesamten damaligen Reichsgebiet. Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland auf Basis einer wissenschaftlichen Studie die tatsächliche Opferzahl ermittelt.

Neubewertung der Pogromnacht

„Die Ergebnisse des Landesprojekts machen deutlich, dass die in der Forschung über Jahrzehnte publizierte Zahl von 91 Toten im gesamten Deutschen Reich viel zu niedrig ist. Diese Zahl stammt von den NS-Behörden selbst und wird bis heute immer noch in Ansprachen oder Darstellungen so kommuniziert“, sagte Projektleiter und Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Dr. Bastian Fleermann. „Lange hat man die Morde und Misshandlungen der Pogromnacht bagatellisiert, indem man vor allem auf die materiellen Schäden geschaut hat. Dass so viele Personen ermordet wurden oder starben, ist bis heute kaum bewusst“, erklärte Fleermann weiter.

Im Februar 2018 startete das Forschungsprojekt, an dem über 420 Archive, Gedenkstätten, Forschungseinrichtungen und Spezialbibliotheken sowie Standesämter und Behörden im ganzen Land mitgewirkt haben. Einbezogen wurden Opfer, die in der Pogromnacht oder im Zuge der damaligen Ausschreitungen durch Gewalt oder später an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen starben. Die bisherige Recherche benennt auf dem Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalen

  • zehn Menschen, die in der Pogromnacht erschossen, erstochen oder ertränkt wurden,
  • 44 Menschen, die an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen, die sie in der Pogromnacht erlitten haben, starben
  • 42 Männer und Frauen, die angesichts der offenen Gewalt und der Erfahrung ihrer Schutzlosigkeit in und nach der Pogromnacht aus Verzweiflung Suizid begingen.

Hinzu kommen – als unmittelbare Folge der Ereignisse – Opfer unter den jüdischen Männern, die während der Pogromnacht verhaftet und in den darauf folgenden Tagen als damals sogenannte „Aktionsjuden“ in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden und dort oder nach ihrer Entlassung an den Folgen der Haft starben; die Studie benennt hierzu aus Nordrhein-Westfalen 31 Männer. Der abschließende Projektbericht enthält Namen und Biografien der Opfer, sofern diese zu ermitteln waren.

Hintergrund

Das Projekt wurde gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Projektleiter: Gedenkstättenleiter Dr. Bastian Fleermann, Stellvertreterin: Hildegard Jakobs M.A., Projektbearbeiter: Immo Schatz-schneider und Gerd Genger.