KULTUR UND WISSENSCHAFT

IN NORDRHEIN-WESTFALEN

Holocaust-Zeitzeuge Dr. Leon Weintraub besucht gemeinsam mit Kulturministerin Brandes HOLO-VOICES

05.03.2026

Ministerin Brandes: Die Erfahrung und die Eindrücke einer persönlichen Begegnung mit Holocaust-Überlebenden wie Leon Weintraub sind unersetzlich

Er war 13 Jahre alt, als die Nationalsozialisten Polen überfielen und die Wehrmacht in seine Heimat einmarschierte. Dr. Leon Weintraub durfte nicht mehr zur Schule gehen. Er wurde im Ghetto zur Zwangsarbeit verpflichtet, wurde im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von seiner Familie getrennt und entging dort nur durch Zufall der Gaskammer. Heute lebt der 100-Jährige mit seiner Frau Evamaria Loose-Weintraub in Schweden und besucht noch immer regelmäßig Schulklassen in seiner Heimat und in Deutschland, um seine Geschichte zu erzählen – und vor dem Erstarken von Antisemitismus und rechtsradikalem Gedankengut zu warnen.

Am Donnerstag, 5. März 2026, besuchte Dr. Leon Weintraub mit Kultur- und Wissenschaftsministerin Ina Brandes den neuen Erinnerungs- und Lernort HOLO-VOICES auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen und traf Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Realschule Oberhausen.


Dr. Leon Weintraub auf einem Stuhl

„Seid wachsam und nehmt die Worte der Rechtsradikalen ernst. Sie meinen, was sie sagen und werden ihre Worte auch durch ihre Handlungen verwirklichen. Die Folgen radikaler, rechter Ideologien haben ich und Millionen unschuldige Opfer während der Naziherrschaft im 2. Weltkrieg am eigenen Körper erfahren.“

Dr. Leon Weintraub

Bereits im Oktober 2025 hatte sich Dr. Leon Weintraub in einem dreitägigen Video-Interview den Fragen von Studentinnen und Studenten der TU Dortmund gestellt. Aus den Aufnahmen wird aktuell ein Hologramm erstellt, so dass die Stimme von Leon Weintraub im Projekt HOLO-VOICES für die Ewigkeit erhalten bleibt.


Ministerin Ina Brandes

„Die Erfahrung und die Eindrücke einer persönlichen Begegnung mit Holocaust-Überlebenden sind unersetzlich. Dr. Leon Weintraub gehört mit seinen 100 Jahren glücklicherweise zu den immer noch sehr aktiven Zeitzeugen, die einen unschätzbaren Dienst gegen das Vergessen leisten. Wir brauchen authentische Schilderungen wie seine, um eine Ahnung davon zu bekommen, welches Leid die Jüdinnen und Juden erfahren mussten – und welche Schuld die Mitläufer und Schweiger auf sich geladen haben. Ich bin Dr. Leon Weintraub sehr dankbar, dass er seine Geschichte für HOLO-VOICES erzählt hat und wir so mit den Hologrammen die Möglichkeit haben, seine Stimme dauerhaft zu bewahren.“

Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft

Seit der Eröffnung am 27. Januar 2026 haben sich bereits Schulklassen mit insgesamt mehr als 7.100 Schülerinnen und Schülern für einen HOLO-VOICES-Besuch angemeldet. Sie werden hierauf in ihren Schulen und vom Verein ZWEITZEUGEN vorbereitet. HOLO-VOICES ist täglich geöffnet und kann kostenlos besucht werden. Führungen und Workshops müssen frühzeitig angefragt werden.

Kurzbiographie Dr. Leon Weintraub

Dr. Leon Weintraub wurde am 1. Januar 1926 als Sohn eines Altkleidersammlers und einer Wäschereibetreiberin im polnischen Łódź geboren. Sein Vater verstarb früh. Dr. Leon Weintraub wuchs mit seiner Mutter und vier älteren Schwestern in ärmlichen Verhältnissen auf. 1940 wurde er mit seiner Familie in das Ghetto Litzmannstadt zwangsumgesiedelt und im August 1944 ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Weil er sich unbemerkt einem Gefangentransport anschloss, entkam er der Vergasung und überlebte drei weitere Lager, bevor ihm die Flucht gelang. Zu diesem Zeitpunkt wog Weintraub nur noch 35 Kilogramm und litt an Typhus. Von 80 Familienmitgliedern hatten am Ende nur 16 überlebt, darunter drei seiner Schwestern, die er im KZ Bergen-Belsen wiederfand. Nach dem Krieg studierte Dr. Leon Weintraub Medizin in Göttingen und lernte seine erste Ehefrau Katja kennen. 1950 kehrte die Familie nach Polen zurück, wo Weintraub in einer Frauenklinik in Warschau arbeitete und 1966 promovierte. 1969 wanderte Familie Weintraub aufgrund antisemitischer Kampagnen und des Arbeitsverlustes nach Schweden aus, wo er bis heute lebt. Nach dem unerwarteten Tod seiner ersten Ehefrau heiratete Dr. Leon Weintraub im Jahr 1976 Evamaria Loose, mit der er eine Tochter hat. Den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 erlebte Dr. Leon Weintraub in Tel Aviv.

Über HOLO-VOICES

Der Holocaust und das damit verbundene, unermessliche Leid der Jüdinnen und Juden prägt die deutsche Geschichte – auch mehr als 81 Jahre nach dem Ende der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus. Mit dem Projekt HOLO-VOICES des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft und der Technischen Universität Dortmund bekommen die Überlebenden des Holocausts eine Stimme für die Ewigkeit. Für HOLO-VOICES wurden lange Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen digitalisiert und aus den Aufnahmen fotorealistische, dreidimensionale Hologramme erstellt. Dank Künstlicher Intelligenz und modernster Hologramm-Technik ist es möglich, den Hologrammen eigene Fragen zu stellen. Die KI ermittelt anhand von Schlüsselbegriffen die Antwort, die am besten zur Frage passt. Die Antworten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden nicht verfremdet, zusammengeführt, gekürzt oder ergänzt. Immer bekommen die Besucher die Original-Antworten gezeigt.

Neben den Hologrammen gehört zu HOLO-VOICES auch die Ausstellung „Frag nach!“ zum Leben von Inge Auerbacher und Kurt Salomon Maier des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Außerdem gibt es eine vom Verein ZWEITZEUGEN kuratierte Ausstellung „Unter Tage – Unter Zwang“ zur Zwangsarbeit im Steinkohlenbergbau. Diese ist in Kooperation mit dem Ruhr Museum entstanden.

Angesichts der herausragenden gesellschaftlichen Bedeutung und der europaweiten Einzigartigkeit des Projekts ist es gelungen, mehrere Förderer für HOLO-VOICES zu gewinnen. Die RAG-Stiftung, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Brost-Stiftung tragen rund 35 Prozent der Gesamtkosten von rund 3,2 Millionen Euro. Die restliche Finanzierung liegt beim Ministerium für Kultur und Wissenschaft und wird der TU Dortmund als Projektträger zweckgebunden zur Verfügung gestellt.


Mehr Informationen zum Projekt gibt es hier: https://www.holo-voices.de/